Noch 89 Tage: Ein Grundeinkommen gegen die Prekarisierung der Lebenswelt

Grundeinkommen – denn die Würde des Menschen ist unantastbar „Solidarität gedeiht nicht in einem Umfeld, in dem man mit Begriffen wie Wettbewerbsfähigkeit und Rentabilität operiert!“

Menschen, die dauerhaft in prekären Lebensverhältnissen existieren müssen, verlieren den Sinn für eine individuelle Lebensplanung und die Möglichkeit, ihr Leben auf einen in der Zukunft ausgerichteten Punkt hin zu planen. Ohne Planungssicherheit sind aber die vielfältigen Facetten, Möglichkeiten und Notwendigkeiten eines funktionierenden gesellschaftlichen Zusammenlebens nicht möglich.

Es braucht daher ein garantiertes, teilhabe und existenzsichernden Einkommen, um den Menschen die Möglichkeit der individuellen und in die Zukunft ausgerichteten Lebensplanung zu geben und für eine Gesellschaft des Miteinander und nicht des Gegeneinander!

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1995 veröffentlichte der französische Soziologe Robert Castel sein Werk „Les métamorphoses de la question sociale, une chronique du salariat.“ (Deutsche Ausgabe im Jahr 2000: Die Metamorphosen der sozialen Frage. Eine Chronik der Lohnarbeit.)

Darin beschreibt er ausführlich, wie die Lohnarbeit als eigentlich sozial verachtete Position nach und nach die Rolle eines Vorbild-Modells eingenommen hat und wie sie diese zu Beginn des 21. Jahrhunderts durch die Prekarisierung stetig wieder verliert.

Nach dem 2. Weltkrieg hatte sich, zumindest in den industrialisierten Volkswirtschaften Westeuropas, eine neue Konstellation für die Arbeitskräfte entwickelt. Indem der Status des Arbeiters selbst abgesichert und verrechtlicht wurde, erlangte die Erwerbsarbeit einen Status, der über den Markt hinausgehende Garantien, z.B. Kranken- und Rentenversicherung, sicherstellte. Darauf gründete sich eine Erwerbsarbeitsgesellschaft, in der die große Mehrheit der Bevölkerung über ihren Erwerbsarbeitsstatus zu einem sozialen Bürgerstatus gelangten. Die Mitglieder dieser Erwerbsarbeitsgesellschaft erhielten einen Anspruch auf ein soziales Eigentum, welches als Eigentum zur Existenzsicherung auch all denen zur Verfügung steht, die bis dahin nicht durch Privateigentum abgesichert waren. Die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer verfügten über eine Grundlage an Ressourcen und Garantien, mit denen ein auf die Zukunft ausgerichtetes Leben möglich war. Die Verbesserung des Lebensstandards war eine kollektive, generationenübergreifende Erfahrung. So entwickelte sich eine an das Beschäftigungsverhältnis gerichtete Teilhabeerwartung. Diese war durch vier Sicherheiten – Arbeitsplatzsicherheit, Beschäftigungsstabilität, Einkommenssicherheit (inkl. Ansprüche an die sozialen Sicherungssysteme), Vereinbarkeitssicherheit (Möglichkeit die Erwerbs- und Sorgearbeit in der persönlichen Lebensführung vereinbaren zu können) – gekennzeichnet.

Die innere Dynamik der tiefgreifende Transformation der heutigen Arbeitsgesellschaft und der grundlegenden Funktionsweise der Akkumulation ist davon gekennzeichnet, den Warencharakter der Arbeitskraft wieder gegen die vormals marktbegrenzenden Institutionen und Regulationen herzustellen. Die Zunahme unsicherer Beschäftigungsverhältnisse ist geradezu Funktionsbedingung des neuen Akkumulationsregimes. Dies verursacht einen sozialen Prozess, der als Prekarisierung bezeichnet werden kann. Dieser zentrale Prozess, der von neuartigen technologisch-ökonomischen Erfordernissen in Gang gehalten wird, zieht sich durch ehemals stabilisierte Beschäftigungszonen hindurch und seine einzelnen Prekarisierungsprozesse verändern die ganze Gesellschaft und destabilisieren die herausgebildeten sozialen Sicherungssysteme. Die „Wiederkehr der sozialen Unsicherheit“ ist immer noch umgeben von Strukturen der Absicherung. Es findet eine Spaltung der (Erwerbs-) Gesellschaft in verschiedenen Zonen statt. Einer „Zone der Integration“, mit stabilen Beschäftigungsverhältnisse und einer soliden Eingliederung in soziale Beziehungen, steht auf der negativen Gegenseite, als Bereich ohne jegliche produktive Tätigkeit und einem Mangel an gesellschaftlichen Beziehungen, eine „Zone der Entkoppelung“ gegenüber, in der sich die „Entbehrlichen“ und „Überflüssigen“ befinden, die nicht nur temporär, sondern dauerhaft aus der Erwerbsarbeit ausgeschlossen sind. Dazwischen befindet sich eine „instabile Zwischenzone“, eine Zone der sozialen Verwundbarkeit, in der ein „prekäres Verhältnis zur Arbeit“ mit einer „fragilen Unterstützung durch die nächste Umgebung“ verbunden ist. In dieser „Zone der Prekarität“ ist sowohl die Angst vor dem Abstieg als auch die Hoffnung auf Stabilität präsent und prägend. Hier befinden sich Leiharbeit, Minijobs, Schein- und Soloselbstständigkeit und befristete Beschäftigungsverhältnisse. Zwischen diesen Zonen finden vielfältigste Wechselwirkungen statt.

Die prekär Beschäftigten und die Erwerbslosen zeigen den Festangestellten, dass ihre Festanstellung ein Privileg ist. Die latente Bedrohung und das gewachsene kollektive Risiko eines gesellschaftlichen Abstiegs wirken äußerst disziplinierend auf die Beschäftigten und führen zu einer größeren Leistungsverausgabung am Arbeitsplatz, zu einer erhöhten Bereitschaft zur Aufnahme von Überstunden oder auch zu geringeren Ansprüchen in Fragen von Entlohnung und Lohnerhöhungen.

Für die prekär Beschäftigten wiederum ist die unbefristete Festanstellung das Ziel. Im Kampf gegen die Erwerbslosigkeit mobilisieren sie alle ihre Kräfte und dürfen dabei in ihren Anstrengungen nie nachlassen, da sonst der Absturz in die „Zone der Entkoppelten“ droht. Dieser Kampf verschleißt allmählich alle ihre materiellen und qualifikatorischen Ressourcen. Das latente Übernahmeversprechen wirkt als Selbst- und Fremddisziplinierungsinstrument und lässt alle anderen erwerbstätigen und -fähigen Menschen zu potentiellen Konkurrenten um die wenigen „Festanstellungen“ werden. In diesem Wechselspiel zwischen Fremd- und Selbstdisziplinierung der Akteure aus den verschiedenen Zonen baut sich ein Disziplinarregime auf, in dem die Macht der jeweils anderen Statusgruppe gespürt wird und sich alle Gruppen zu gefügigen Arbeitskräften machen (lassen). Die aus dem Kampf um Erhalt und/oder Verbesserung der jeweiligen sozialen Position resultierenden Spannungen, entstehen zumeist zwischen den Gruppen und verhindern eine kollektive Interessenausbildung und -vertretung.

„Solidarität gedeiht nicht in einem Umfeld, in dem man mit Begriffen wie Wettbewerbsfähigkeit und Rentabilität operiert!“

Menschen, die dauerhaft in prekären Lebensverhältnissen existieren müssen, verlieren den Sinn für eine individuelle Lebensplanung und die Möglichkeit, ihr Leben auf einen in der Zukunft ausgerichteten Punkt hin zu planen. Ohne Planungssicherheit sind aber die vielfältigen Facetten, Möglichkeiten und Notwendigkeiten eines funktionierenden gesellschaftlichen Zusammenlebens nicht möglich.

Es braucht daher ein garantiertes, teilhabe und existenzsichernden Einkommen, um den Menschen die Möglichkeit der individuellen und in die Zukunft ausgerichteten Lebensplanung zu geben, für eine Erwerbsarbeit ohne konkurrenzorientierte Arbeitskraftsteuerung und den damit verbundenen vielfältigsten Selbst- und Fremddisziplinierungseffekten und den hohen, krankheitsverursachenden psychischen und physischen Belastungen selbstausbeutender Leistungsverausgabe und für eine Gesellschaft des Miteinander und nicht des Gegeneinander!

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